Donnerstag, 31 Oktober 2013 18:17

Reingehört: Amaranthe – wie Metal mit Christina Aguilera

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Musikempfehlungen. Heute: Amaranthe.Keine musikalische Neuerscheinung des Jahres 2011 hat den Autor dieser Zeilen so schnell zum HNO-Arzt befördert wie die Band Amaranthe mit ihrem gleichnamigen Debütalbum: Die freiwillige Dauerbeschallung mit den zwölf Ohrwürmern mündete nämlich in Taubheit.

Nach der Gehörgangsoperation konsumiert der besagte Autor die Scheibe weiterhin täglich – im Bus, in der Bahn, beim Autofahren, beim Essen, auf dem Klo, im Kino und sogar beim Geschlechtsverkehr. Und das Beste: Diese großartige Erfahrung will er natürlich mit euch teilen (die Musik, nicht den Geschlechtsverkehr!).

Eine echte Besonderheit des schwedisch-dänischen Sextetts sind seine drei Sänger, die unterschiedlicher nicht klingen könnten. Der erste, Andreas Solvenstörm, brüllt dem Zuhörer das Hirn durch die Nase raus. Der zweite, Jake E. Lundberg, singt klar, auch wenn seine bisweilen zu hohe Stimme auf eingeklemmte Hoden zurückschließen lässt. Der dritte Vokalist – oder besser: die dritte Vokalistin, namentlich Elize Ryd – klingt wie eine professionelle Pop-Sängerin.

Wir haben nicht umsonst in der Überschrift auf Christina Aguilera angespielt, denn Ryd hält stimmlich locker mit Pop-Größen dieses Bekanntheitsgrades mit – nur eben ohne deren Plastik-Püppchen-Rosa-Brille-Heile-Welt-Attitüde. Auf gut Deutsch: Die Frau hat's drauf.

Eine weitere Besonderheit von Amaranthe: eingängige, augenblicklich ins Ohr gehende Melodien. Die Mischung aus verspielten Gitarrenriffs, maschinengewehrartigen Schlagzeugpassagen, sanften Keyboardparts und dezenten elektronischen Klängen bohrt sich derart schnell ins Gehirn, dass man bereits nach dem zweiten Durchlauf die Songs mitgröhlen möchte.

Positiv dabei: Keiner der Sänger drängt sich zu stark in den Vorderund. Wer die markante Stimme von Elize Ryd als Alleinstellungsmerkmal der Band hinstellt, tut der Combo unrecht. Denn die Songstruktur lässt allen drei Vokalisten genug Zeit und Platz für ihren Einsatz. Stücke, in denen alle drei nacheinander abwechselnd "zu Wort kommen", glänzen durch besondere, energiegeladene Dynamik. Chöre aus zwei oder gar allen drei Stimmen bilden die absoluten Highlights des Albums.

Damit ist Amaranthe vielen anderen "mehrstimmigen" Bands, deren unterschiedliche Sänger aber einander stark dominieren, kilometerweit voraus. Man kennt ja diese Combos, in denen der männliche Sänger sich die Seele aus dem Leib brüllt und eine weibliche, zerbrechlich-weinerliche Stimme den Zuhörer wieder "besänftigt". Da passt das Gebrüll nicht zum klaren Gesang und/oder die Melodien sind zu verwirrend. Oder das Gesamtwerk klingt so, als würden besoffene Neandertaler eine piepsige Waldelfe vergewaltigen. Genau diesen Melodic-Death-, New-Metal- und Was-auch-immer-für-Genre-Amateuren zeigt Amaranthe, was für eine abwechslungsreiche, aber in sich homogene Mischung man aus höchst unterschiedlichen Sängern und Stilen hervorbringen kann.

Damit wir uns klar verstehen: Man kann die Stilrichtung von Amaranthe nicht in eine Schublade stecken. Für Death Metal sind die Melodien zu abwechslungsreich und der gutturale Gesang zu wenig präsent. Für Power Metal ist die Musik zu elektronisch. Für Pop eindeutig zu hart. Für andere Spielarten des Metal zu eingängig. "Pop-Metal" würde es vielleicht am ehesten treffen, aber das würde die Band ungerechterweise in ein Licht werfen, welches sie für die meisten Metalfans uninteressant macht. Aber hey, pfeiff doch auf die Genres!

Ja, Amaranthe klingt verdammt poppig. Aber es bleibt Metal – und auch ein recht harter. Deshalb: am besten selbst reinhören. Nachfolgend stellen wir euch kurz einige ausgewählten Song-Highlights des selbstbetitelten Debütalbums vor:

1."Leave Everything Behind" – Der Beginn des Openers könnte auch von Eluveitie oder Korpiklaani stammen. Bei diesem Song deutet die Band bereits ihre Stärken an – die Sänger wechseln sich oft ab, die Melodie verführt zum Mitsingen. In der zweiten Hälfte des Stücks legt Elize ein kurzes, aber starkes Solo hin, welches sich in einem mitreißenden Chorus entlädt.

2."Hunger" – Ein temporeicher Song mit Potenzial zum Tanzhit. Das Duett am Anfang erinnert entfernt an Zwei-Stimmen-Parts von Evanescence, bis Andreas Solvenstörm mit seiner Stimme eine härtere Note einschlägt.

4."Automatic" – Wie Abba, nur härter (gerade der Refrain). Sehr eingängiger und energiegeladener Song.

6."Amaranthine" – Eine waschechte Ballade. Wenn ein Metaller seiner Partnerin eine Liebeserklärung machen will, dann wohl mit diesem Song! (Zu diesem Stück - wie schon zu "Hunger" - gibt's sogar einen... na ja... billigen Videoclip, aber das fließt in die Bewertung nicht ein.)

8."Call Out My Name" – Ein weiterer potenzieller Tanzhit und eines der stärksten Songs des Albums. Enthält auch die meisten elektronischen Elemente. Wie schon beim Opener "Leave Everything Behind" bekommt Elize hier einen kurzen Solopart, der aufgrund seiner techno-lastigen Untermalung ein bisschen seltsam, aber dennoch irgendwie genial wirkt. Dieser Song war auch das erste Stück der Band, durch das der Schreiber dieser Zeilen auf Amaranthe überhaupt aufmerksam wurde.


Nur damit das klar ist: Die Hervorhebung der fünf oben aufgezählten Songs bedeutet keineswegs, dass die anderen Stücke weniger gut sind. Allerdings hätten wir bei sämtlichen Liedern "Fett! Super! Fantastisch!" schreiben müssen, was diesem Text hier nicht zugute käme. Doch so oder so: Alle Songs sind sehr melodisch, energiegeladen und eingängig. Bis auf "Director's Cut", das mit seiner unklaren Melodieführung aus dem Rahmen des ansonsten grandiosen Albums fällt.

Cover von "Amaranthe" von Amaranthe (2011)

 

Trackliste von "Amaranthe":

1. – Leave Everything Behind
2. – Hunger
3. – 1.000.000 Lightyears
4. – Automatic
5. – My Transition
6. – Amaranthine
7. – Rain
8. – Call Out My Name
9. – Enter The Maze
10. – Director's Cut
11. – Act Of Desperation
12. – Serendipity
13. – Breaking Point *
14. – A Splinter In My Soul *

* Nur auf der limitierten 2-Disc-Edition. Diese enthält auch eine DVD mit Musikvideos und mehr.

 

Fazit: Eine erfrischend neue Scheibe, die sehr eingängig und abwechslungsreich klingt und süchtig macht. Die Mischung diverser Genres gelingt hier hervorragend – und trotzdem bleibt Amaranthe Metal und gleitet nicht etwa in Richtung Crossover ab. Wer Faible für fett produzierte, starke Melodien und tolle Chöre hat, wird seine Anlage so laut aufdrehen, bis ihm das Ohrenschmalz herausfließt. Aber denkt an die Praxisgebühren bei eurem HNO-Arzt.

Hier geht es zur offiziellen Webseite der Band:
www.amaranthe.se

Und wer sich eine Hörprobe zu Gemüte führen möchte, wirft einfach die Suchmaschine seines geringsten Misstrauens an.

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Warum will ein Hip-Hopper Sanitäter werden?

   
Eigentlich bin ich auch Gothic, wenn ich nich Rapper wäre, verstehst du, Alta? Ich bin eigentlich auch voll black und so... Aber höre halt nur Hip-Hop.

Aus der Unterhaltung eines Hip-Hoppers mit einem Gothic-Fan

   
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